Menschen sind nicht primär süchtig nach Alkohol oder Drogen...

...sie sind süchtig danach der Realität zu entfliehen.


Vor zwei Jahren stieg ich in der Stadt in den Bus ein und nahm neben einem älteren Mann mit etwas ungepflegtem äusseren Erscheinungsbild Platz. In der Hand hielt er eine Bierdose, und von ihm ging ein penetranter Alkoholgeruch aus. Es war nachmittags um 16h. Es war der einzige freie Platz neben ihm, die Menschen schienen lieber zu stehen, als sich neben ihn zu setzen.


Er begann mit mir zu sprechen und wir sprachen über belanglose Dinge, an die ich mich nicht mehr so genau erinnern kann. Dann fragte er mich woher ich dann komme, da ihm mein Dialekt gefiel und er ihn zu kennen schien. Er kannte den Ort gut woher ich kam, denn seine Ex-Frau sei dort aufgewachsen, erzählte er mir. Dann auf einmal nahm ich eine tiefe Traurigkeit in seinem vorher sehr leeren Blick wahr. Seine Frau wohne nun in Spanien, sagte er. Sie hätten grosse gemeinsame Pläne gehabt zusammen. Doch eines Tages als er in ihr gemeinsames Schlafzimmer ging, sah er seine Frau mit einem anderen Mann in ihrem gemeinsamen Ehebett. Es schien, als sei in diesem Moment sein ganzes Herz zersplittert worden. Er sagte mir, wie sehr ihn dieser Moment aus der Bahn warf und wie schrecklich es für ihn war. Auch, dass er seinen Sohn zehn Jahre nicht mehr gesehen habe, er wisse nicht wie es ihm gehe. Ich spürte seine tiefe Wunde und sah einen herzzerreissenden Schmerz in seinen tieftraurigen Augen. Die Menschen im Bus schienen uns langsam anzustarren. Der ältere Mann mit der Bierdose sprach nicht gerade leise. Nach diesem sentimentalen Moment nahm er wieder einen grossen Schluck Bier und fragte mich erneut, woher ich dann käme.


Zu viel Bier macht vergesslich – und so absurd es auch klingt, ich verstand ihn in diesem Moment irgendwie: denn jeder Schluck mehr liess ihn für eine kurze Zeit mehr den tiefen Schmerz vergessen.


Bevor meine Haltestelle kam bei der ich aussteigen musste, bedankte er sich für das Gespräch und meinte zu mir, ich hätte ein gutes Herz. Das freute mich, ich musste lächeln, offenbar schien er doch nicht alles ganz vergessen zu haben. Ich spürte, dass auch er ein gutes, sehr sensibles und verletzliches Herz besass.


Ich wünschte ihm insgeheime, dass er den Mut fand, sich dem Schmerz zu stellen und aufhörte ihn zu betäuben und vor ihm davon zu rennen, damit sein Herz endlich Heilung fand.


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